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Norwegen - eine Hassliebe

Norwegen verlangte uns so einiges ab. Geduld und dicke Pullover waren gefragt, weshalb wir unsere Meinung zum Land das eine oder andere Mal änderten.


Nachdem wir Dänemark im Schnelldurchlauf durchquert hatten, trafen wir uns am 19. Juli bei der Fähre im dänischen Hirtshals mit zwei Arbeitskollegen von Max, Adrianne und Huib. Die beiden sind aus den Niederlanden und schlossen sich uns eine Zeitlang an, um zusammen mit uns Norwegen zu erkunden. Zumindest war das der Plan.


Nach der kurzweiligen Überfahrt nach Kristiansand suchten wir uns spätabends einen Parkplatz für die Nacht und fielen dann auch bald ins Bett. In Norwegen gilt das Jedermannsrecht. Das heisst, dass man fast überall mit seinem Zelt oder Wohnwagen übernachten darf, insofern man mindestens 150m zum nächsten bewohnten Haus Abstand hält. Am nächsten Morgen ging die Fahrt weiter in die Nähe des kleinen Dorfs Lyngdal. Dieses sollten wir zu einem späteren Zeitpunkt noch besser kennenlernen - aber dazu später mehr.

Unterwegs mit Adrianne und Huib

Zuerst ging es in eine abgelegene Hütte zu einem weiteren ehemaligen Physio-Kollegen, Nino mit seiner Freundin Marisha und deren kleinen Tochter Mara und dem Hund Viento. Die typisch rot gestrichene Norwegische „Hytte“, welche Marisha's Eltern gehört, ist nur fussläufig erreichbar, liegt direkt an einem kleinen See und hat keinen Handyempfang. Perfekt, um einfach mal ein bisschen zu entspannen. Wir verbrachten die Zeit mit grillieren, lustigen Gesprächen und kleinen Wanderungen. Danke an dieser Stelle an Nino und Marisha für ihre Gastfreundschaft!



Das ungestüme norwegische Wetter zeigte sich schon in den ersten Tagen. Zwischendurch fragten wir uns schon, ob eine direkte Fahrt in den Süden nicht doch die bessere Wahl gewesen wäre, während der Regen und der Wind durch den dichten Wald peitschte. Nach zwei Tagen fuhren wir aber dennoch voller Vorfreude in Richtung Westküste, um einige der bekannten norwegischen Wanderungen in Angriff zu nehmen. Wie gesagt, zumindest war dies der Plan.


Einige Kilometer nach unserer Abfahrt dann der Schockmoment: die Batterielampe bei El Patron leuchtete. Erst mal halb so schlimm, bis auch noch die Ölanzeige Radau machte und mit einem grellen Piepston klarmachte, das irgendwas nicht stimmte. El Patron ist ja bekanntlich nicht mehr der Jüngste, aber dennoch haben wir gehofft, diesen Roadtrip ohne grössere Zwischenfälle zu erleben. Oder zumindest nicht im teuersten Land unserer Reise. Nun gut, es ist wie es ist, und zwei Stunden später sassen wir im Abschlepper, welcher El Patron zurück nach Lyngdal schipperte.

El Patron gibt auf

Unsere Ankunft am späten Freitagnachmittag war nicht gerade förderlich für unser Vorhaben, unseren fahrbaren Untersatz möglichst schnell wieder in die Gänge zu kriegen. Dennoch hatten wir Glück im Unglück, denn direkt neben der Autogarage befand sich auch ein Campingplatz, bei welchem wir vorerst mal Unterschlupf fanden. Wie erwartet waren alle Autowerkstätten bis am Montag geschlossen und wir machten es uns vorerst in Lyngdal gemütlich. Das schöne an der Sache: wir haben ja keinen Stress. Eigentlich ist es egal, wann genau es weitergeht. Vielleicht war es ja auch gerade richtig, dass uns der Vorfall wieder ein wenig entschleunigte?


Adrianne und Huib machten sich zwischenzeitlich auf dem Weg nach Westen, da es keinen Sinn machte, dass sie tagelang mit uns auf die Reparatur warteten. Wir lernten in der Zwischenzeit Lyngdal in- und auswendig kennen (zugegeben, viel gab es nicht) und machten das Beste aus der Wartezeit. Auch wenn das Wetter einigermassen mitspielte, waren die permanenten Windböen irgendwann etwas anstrengend und wir waren froh, hatten wir uns bei Temperaturen um 10-15 Grad in Dänemark mit einigen dicken Pullovern eingedeckt.

Aussicht auf den Fjord bei unserer Zwangspause in Lyngdal (hier war es für einmal warm...)

Am Dienstag war es dann endlich soweit. El Patron’s Lichtmaschine war ersetzt, wir um 1‘100 Euro ärmer (Norwegian prices, take it or leave it!), aber endlich wieder unterwegs. Bei strömenden Regen und heftigen Sturmböen verliessen wir Lyngdal am Mittwoch frühmorgens in Richtung Stavanger an der Westküste Norwegens, um dort ein aufkommendes Schönwetterfenster für einige Wanderungen zu nutzen. Tipp: Die Norwegische Wetter-App "Yr" gibt sehr genau Auskunft über die Wetterprognosen im Land.


Die Fahrt war geprägt von endlosen Waldgebieten, kleinen Landstrassen und tiefblauen Seen. Norwegen verfügt über rund 160'000 Seen, weshalb es auch "Land der 1000 Seen" genannt wird. Mit nur 14 Einwohnern pro Quadratmeter gehört es zudem zu den am dünnsten besiedelten Ländern der Erde.

Auf dem Weg an die Westküste Norwegens

Unser Ziel war die Wanderung zum Preikestolen, ein beeindruckendes Felsplateau, welches mächtig über dem Lysefjord trohnt und eine unglaubliche Aussicht bietet. Leider ist dieser gerade deswegen auch zum Instagram-Hotspot verkommen. Bereits am Parkplatz standen die Reisebusse dicht an dicht aneinandergereiht und die Menschen machten sich in einer Ameisenkolonne auf den Weg bergaufwärts. Wir liessen uns aber die Motivation nicht nehmen und wurden nach einem zweistündigen Aufstieg mit einer tollen Aussicht auf den Fjord und die umliegende grüne Berglandschaft belohnt.

Auf dem Weg zum Preikestolen

Auf dem Preikestolen herrschte ein wildes Gewusel von Menschen, so dass man sich auch in der Einkaufsstrasse einer Grossstadt wähnen könnte. Irgendwie schade, denn dadurch rückt die wirkliche Schönheit dieses Ortes etwas in den Hintergrund.

Instagram...

...versus Reality

Nach einem genau so langsamen Abstieg auf den überfüllten Wegen fragten wir uns, ob wir die zweite bekannte Wanderung, der Kjeragbolten, wirklich auf uns nehmen sollten. Jedoch ist diese deutlich länger und wir hofften, dass dies einige Leute abschreckt und somit etwas weniger los sein könnte. Zum Glück bestätigte sich dies. Bei unserer Ankunft am Parkplatz am nächsten Tag war dieser noch fast leer.


Bei dichtem Nebel machten wir uns auf den Weg und bezweifelten, ob wir überhaupt einen Blick auf Fjord erhaschen würden. Die Wanderung war deutlich anspruchsvoller und führte über glattgeschliffene, rutschige Felspartien steil aufwärts, unterbrochen von kleinen Tälern, durch die Bäche mit glasklarem kaltem Bergwasser plätscherten. In der Zwischenzeit hatte sich auch der Nebel verzogen und Norwegen zeigte sich von seiner besten Seite.

Auf dem Weg zum Kjerag

Nach zirka 3.5 Stunden erreichten wir unser Ziel: den Kjeragbolten. Dabei handelt es sich um einen Felsbrocken, welcher zwischen zwei steilen Felswänden eingeklemmt ist und dadurch Berühmtheit erlangt hat, dass sich wagemutige Besucher darauf stellen. Unterhalb des Steins wartet ein rund 1000-metriger Abgrund. Tatsächlich ist es hier noch zu keinem Absturz zu kommen, obwohl es es keinerlei Absicherung gibt. Trotzdem wollten wir unser Glück nicht herausfordern und verzichteten auf das bekannte Erinnerungsfoto. Es hat uns gereicht, den anderen zuzuschauen, wie sie teilweise einbeinig auf dem Stein balancierten.

Der Kjeragbolten

Wir marschierten stattdessen noch etwas weiter bergauf und fanden einen noch schöneren Aussichtspunkt, den wir praktisch für uns alleine hatten. Der kilometerweite Ausblick auf den dunkelblauen Fjord, welcher sich durch die spektakulären felsigen Berge mit hohen Klippen windet, war atemberaubend. Es wurde uns an dieser Stelle klar, weshalb Norwegen so eine Faszination auf die Menschen ausübt.

Ausblick auf den Lysefjord oberhalb des Kjeragbolten

Kjerag

Nach dem Abstieg stand uns erneut eine längere Fahrt über einen Pass mit enormen Steigungen, engen Strassen und freilaufenden Schafen bevor, welcher El Patron (und uns!) gehörig ins Schwitzen brachte. Und trotzdem: solche Landschaften findet man wohl sonst kaum irgendwo.

Die (einzige) Strasse zum Kjerag

Da uns unsere Fahrzeugpanne fast 5 Tage kostete und die weitere Wetterprognose eher düster war, entschieden wir uns, nicht weiter nach Norden zu fahren. Wir sind beide definitiv eher Sommermenschen und irgendwie war die Luft raus, um weiter dem rauen Wetter zu trotzen. Daher ging es weiter nach Oslo, wo wir einen Tag in der Hauptstadt Oslo verbrachten, bevor wir uns definitiv von Norwegen verabschiedeten.


Fazit zu Norwegen: es ist (selbst für Schweizer Verhältnisse) sehr teuer, das Wetter sehr unbeständig, aber die Landschaften sind unbeschreiblich und wohl einmalig auf dieser Welt. Wir bereuen es jedenfalls keinesfalls, dass wir den Weg in den hohen Norden auf uns genommen haben. Schwitzen werden wir auf unserer weiten Reise noch genug!


Mit unserer Ausreise nach Schweden endet auch schon der erste Monat unserer Reise. Unglaublich, wie schnell die Zeit vergeht. Wir glauben mittlerweile schon, dass uns ein Jahr nicht reichen wird, um alle Ziele auf unserer Liste abzuhaken.



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